Der Produktarchitekt als neue Schlüsselrolle? Lernen von anderen Innovationsbranchen

Daniel Bormann
REALACE Studio
- Transformation der Immobilienentwicklung: Steigende Baukosten, technologische Innovationen und neue Nachhaltigkeitsziele erfordern einen neuen Ansatz in der Stadt- und Quartiersentwicklung.
- Lernen von Innovationsbranchen: Branchen wie die IT haben durch modulare Architekturen, datengetriebene Strategien und nutzerzentrierte Entwicklung ihre Anpassungsfähigkeit gesteigert.
- Die Rolle des Produktarchitekten: Diese transdisziplinäre Schlüsselrolle verbindet Marktkenntnisse, Nutzungsanalysen und gestalterische Konzepte, um nachhaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Projekte zu entwickeln.
- Schlüsselkomponenten erfolgreicher Quartiere: Flexibles Programming, klare Identitätsbildung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und integrative Nachhaltigkeitsstrategien sichern langfristige Standortqualität.
- Plattform- und Modulsysteme in der Stadtplanung: Erfolgreiche Konzepte lassen sich adaptieren, um Entwicklungsprozesse effizienter zu gestalten und Synergien zu nutzen.
- Zukunftsfähige Immobilienprodukte: Die Verbindung aus Kreativität, methodischem Vorgehen und Marktorientierung ist essenziell, um resiliente urbane Räume zu schaffen.
- Einladung zur Diskussion: REALACE setzt auf interdisziplinären Austausch und strategische Entwicklung neuer Produktkonzepte zur Schaffung lebendiger, innovativer Stadtquartiere.
Die Anforderungen an die Stadt- und Immobilienentwicklung haben sich dramatisch gewandelt. Angesichts technologischer Transformationen, komplexer Nachhaltigkeitsziele und steigender Baukosten braucht es neue Antworten. Andere Branchen wie die IT haben gezeigt, wie durch strategische Innovationen Anpassungsfähigkeit und Effizienz gesteigert werden können. Warum also nicht von diesen Erfolgsmodellen lernen? Der Produktarchitekt verkörpert diesen Ansatz – eine transdisziplinäre Rolle, die innovative Schlüsselkompetenzen in die Entwicklung und Gestaltung zukunftsfähiger Quartiere und Immobilien integriert.
Vor allem ist es komplex!
Die Stadt- und Immobilienentwicklung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Dieser wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, die sich gegenseitig verstärken und die Rahmenbedingungen für Projektentwicklung und Standortgestaltung erheblich verändern.
Eine zentrale Treiberin dieser Veränderungen ist die technologische Transformation. Digitale Technologien beeinflussen nicht nur die Art und Weise, wie Gebäude geplant, gebaut und genutzt werden, sondern auch, wie Menschen sich durch Städte bewegen und miteinander kommunizieren. Automatisierung, smarte Infrastrukturen und datenbasierte Entscheidungen schaffen neue Möglichkeiten, erfordern aber zugleich komplexe Abstimmungen zwischen verschiedenen Akteuren und Systemen.
Gleichzeitig verschärfen die Anforderungen an Nachhaltigkeit den Handlungsdruck. Klimaziele und Regularien für den Umwelt- und Ressourcenschutz erfordern eine grundlegend andere Denkweise bei der Entwicklung von Quartieren und Immobilien. Es reicht nicht mehr aus, einzelne Bauprojekte isoliert zu betrachten; vielmehr müssen alle Planungs- und Entwicklungsprozesse im Kontext von Kreislaufwirtschaft, Emissionsreduktion und langfristiger Ressourcenschonung gestaltet werden.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Wandel der Bedürfnisse und Erwartungen an Räume. Nutzungsarten wie Büro und Handel, die lange Zeit als stabil galten, sind heute tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Flexibilität, hybride Konzepte und eine stärkere Ausrichtung an individuellen Lebens- und Arbeitsmodellen rücken in den Vordergrund. Gleichzeitig müssen Standorte mehr als nur funktionale Orte sein; sie sollen Erlebnisse bieten, Gemeinschaften stärken und Lebensqualität fördern.
Ein besonderer Druckfaktor kommt durch die Baukostenentwicklung hinzu. Steigende Materialpreise und Fachkräftemangel lassen klassische Kostensenkungsstrategien schnell an ihre Grenzen stoßen. Es wird zunehmend deutlich, dass diese Herausforderungen nicht allein durch Kosteneffizienz im Bau gelöst werden können. Stattdessen braucht es ganzheitliche Ansätze, die die Wirtschaftlichkeit des gesamten Immobilienprodukts betrachten, von der Planung über die Nutzung bis zur Revitalisierung und Finanzierung.
Diese Vielschichtigkeit erzeugt eine Komplexität, die mit traditionellen Methoden und Prozessen kaum noch bewältigt werden kann. Der Bedarf nach besseren, interdisziplinär entwickelten Produkten, die diese Herausforderungen in ihrer Gesamtheit adressieren, ist dringlicher denn je. Nur durch neue Ansätze und innovative Denkweisen wird es möglich sein, Quartiere und Arbeitswelten zu schaffen, die auch in Zukunft attraktiv und nachhaltig bleiben.

Unverschuldete Krise oder mangelnde Innovationsfähigkeit?
Ist die gegenwärtige Krise allein auf exogene Faktoren zurückführbar, oder haben wir es hier auch mit einer mangelnden Reaktionsfähigkeit der Branche zu tun? Zweifellos sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen herausfordernd, aber die Frage bleibt: Haben wir bereits alle möglichen Handlungsoptionen ausgelotet, um eine Weiterentwicklung unserer Städte zu sichern?
Ein Blick auf andere Innovationsbranchen wie die IT-Industrie zeigt, dass diese in Krisenphasen entscheidende Strategien entwickelt haben. Ein Beispiel hierfür ist die Einführung modularer Microservices-Architekturen. Unternehmen haben ihre monolithischen Systeme aufgebrochen und durch flexible Softwarekomponenten ersetzt, die unabhängig voneinander entwickelt und skaliert werden können. Diese Flexibilität erlaubt eine schnelle Anpassung an Marktveränderungen und steigert die Resilienz.
Aus diesen Entwicklungen lassen sich drei zentrale Strategien ableiten:
- Produktarchitektur: Modular aufgebaute Systeme schaffen Anpassungsfähigkeit und Effizienz.
- Marketingstrategien: Kontinuierliche Nutzeranalysen und Marktforschung sichern zielgerichtete Produktentwicklung.
- User Experience und Community Building: Positive Nutzererfahrungen und aktive Netzwerke stabilisieren langfristig den Erfolg von Projekten.
Diese Prinzipien zeigen uns, dass agile Methoden, Nutzerzentrierung und eine durchdachte Produktstrategie die Basis für eine resiliente Entwicklung sind. Wir haben daraus gelernt und bieten mit dem Produktarchitekten eine zentrale Rolle an, die diese Strategien in unsere Branche überträgt.
Schlüsselkomponenten für zukunftsfähige Produkte
Aus diesen branchenübergreifenden Erkenntnissen haben wir den Ansatz des Produktarchitekten für die Immobilien- und Stadtentwicklung entwickelt. Ziel ist es, zentrale Schlüsselkompetenzen in übliche Planungs- und Entwicklungsprozesse zu integrieren. Jede dieser Maßnahmen trägt dabei zu einer messbaren Qualitätsverbesserung bei. Unsere langjährigen Erfahrungen bei REALACE flossen in die Konzeption der wichtigsten Schlüsselkomponenten ein.
Der Ausgangspunkt ist eine Marketingstrategie, die durch gezielte Marktforschung und Nutzeranalysen die Bedürfnisse der Zielgruppen ermittelt. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für alle weiteren Schritte im Entwicklungsprozess. Darauf aufbauend erfolgt im Programming die Gestaltung flexibler Nutzungskonzepte, die über reine Flächennutzung hinausgehen und die Anforderungen des ESG-Kompasses integrieren. Dadurch wird ein Gleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit erreicht.
Eine starke Identity Building-Strategie sorgt dafür, dass Projekte eine klare Identität und Wiedererkennung erlangen. Diese Attribute steigern die Attraktivität sowohl für Nutzerinnen als auch für Investoren. Die Umsetzung dieser strategischen Ideen erfolgt durch die Concept Architecture, die diese Konzepte in konkrete Raumstrukturen übersetzt.
Erfolgreiche Standorte benötigen schließlich tragfähige Business Models, die sowohl den Nutzern als auch den Betreiberinnen langfristige Mehrwerte bieten. Innovative Vermietungsstrategien, Finanzierungslösungen und Betriebskonzepte sichern dabei die Stabilität und Rentabilität des Projekts.
Darüber hinaus können Placemaking und Community Building wichtige Komponenten für die Attraktivität und Reaktivierung von Standorten sein. Diese Aspekte schaffen soziale Netzwerke und Erlebnisse, die zur langfristigen Stabilität eines Quartiers beitragen.
Bereits die konsequente Anwendung einzelner dieser Komponenten kann erhebliche Verbesserungen im Entwicklungsprozess bewirken. Der Produktarchitekt übernimmt dabei eine flexible Rolle: entweder als übergeordneter Gestalter des gesamten Standortkonzepts oder als integriertes Mitglied in einem transdisziplinären Planungsteam.
In Modulen und Plattformen denken: Nicht immer bei null beginnen
Ein weiterer Ansatz zur Bewältigung der steigenden Anforderungen liegt im modularen Denken. Innovationsbranchen wie die Automobilindustrie haben gezeigt, wie sich durch den systematischen Einsatz von Plattformen und Modulen erhebliche Skaleneffekte und Qualitätsverbesserungen erzielen lassen. Auch wenn diese Konzepte nicht eins zu eins auf die Immobilienbranche übertragbar sind, können wir von ihnen lernen.
In der Immobilienentwicklung bedeutet dies, dass erfolgreiche Projekte und Konzepte als Wissensbasis für neue Vorhaben genutzt werden. REALACE hat mit Programmen wie „Urban Essence“, das auf die Schaffung lebendiger urbaner Zentren abzielt, und „New Work City“, das innovative Arbeitsumgebungen in Quartieren fördert, erste Erfolge erzielt. Ebenso sind „Innovation Hubs & Districts“ Beispiele für zukunftsorientierte Quartiere, die Synergien zwischen verschiedenen Nutzungen schaffen.
Diese modularen Produktkonzepte helfen dabei, Entwicklungsprozesse effizienter und schneller zu gestalten. Indem bewährte Elemente in neuen Kontexten angewendet werden, entsteht eine höhere Qualität und Attraktivität der Projekte.
Produktarchitektur: Kreativität trifft Marktwissen
Zukunftsfähige Produktentwicklung in der Immobilienbranche erfordert eine Verbindung aus Kreativität, interdisziplinärem Denken und methodischer Arbeit. Der Produktarchitekt steht im Zentrum dieses Prozesses. Er vereint kreative Ansätze mit umfassendem Marktwissen und einer klaren Ausrichtung an Nutzerbedürfnissen. Dabei arbeitet er eng mit verschiedenen Fachbereichen zusammen und integriert deren Expertise in die Produktentwicklung.
Wir laden Sie ein, mit uns die Innovationsbedarfe der Immobilienbranche zu diskutieren. Lassen Sie uns gemeinsam erkunden, wie wir durch methodisches Vorgehen – sei es durch die Entwicklung neuer Produktkonzepte oder die kritische Überprüfung bestehender Modelle im Rahmen eines „Real Product Checks“ – bessere Immobilienprodukte und lebenswerte Städte schaffen können. Die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen, die Entwicklung klarer Strategien und der Mut, neue Wege zu gehen, bilden die Basis für einen nachhaltigen und erfolgreichen Wandel.
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Thematisches zu innovativen Impulsen und chancenreichen Transformationen.